Poelzig-Bau
Ihren Ursprung hat das Gebäudeensemble in einer Eisengießerei von 1899. 1906 erfolgte der Umbau zur Textilfabrik Sigmund Goeritz AG, den späteren Venus-Werken Chemnitz, die zu DDR-Zeiten zu VEB Trikotagenwerke Ideal umbenannt wurden.
Der von dem deutschen Architekten, Maler, Bühnenbildner und Hochschullehrer Hans Poelzig stammende Erweiterungsbau zum ursprünglichen Fabrikgebäude wurde 1921 beauftragt. Fünf Jahre später entstand der heutige Kopfbau parallel zur Ulmenstraße als moderner Gegenentwurf zu den Gründerzeitfassaden auf dem Kaßberg.
Im Wandel von handwerklich geprägten Produktion zur industriellen Fertigung schuf Poelzig die Grundlagen für die Neue Sachlichkeit in der Architektur. Der von ihm so genannte Materialstil brachte durch seine Schlichtheit die Eigenschaften der verwendeten Materialien viel stärker zur Geltung als der ornamental geprägte Stil der Zeit.
Heute beherbergt das geschichtsträchtige Gebäude moderne Wohnungen und Gewerbeeinheiten.
Das Poelzig-Areal gegenüber dem Industriemuseum ist wieder zum Leben erwacht. In dem markanten, langgestreckten Bau mit gelber Klinkerfassade an der Zwickauer Straße befand sich einst die Teppichfabrik des Fabrikanten Kohorn. Im Frühjahr 2013 endeten die umfangreichen Sanierungsarbeiten. Auch das einstige Heizhaus ist mittlerweile saniert, ebenso der rote Klinkerbau in dritter Reihe. Dieser beherbergt nun großzügige Eigentumswohnungen.
Wer war eigentlich dieser Poelzig, dem das Areal seinen Namen verdankt? Hans Poelzig wird 1869 in Berlin geboren. Als Architekt hinterlässt er seine gestalterischen Spuren in seiner Heimatstadt und Großstädten wie Frankfurt am Main, Hannover und Stuttgart, aber eben auch in der sächsischen Industriestadt Chemnitz. Professor Hans Poelzig ist extrem vielseitig. Er ist auch als Maler, Bühnenbildner, Filmarchitekt und Hochschullehrer tätig. In seinem Hauptgebiet, der Architektur, schlägt er die Richtung zum Expressionismus und zur neuen Sachlichkeit ein. Dies sollte später als Bauhausstil bekannt werden. Bereits Anfang 1922 fertigt Poelzig im Auftrag der Chemnitzer Textilfabrik Sigmund Goeritz einen ersten Entwurf, dem weitere folgen. Allein diese Studien lassen die Wucht des Baus erahnen. Poelzig experimentiert mit den Proportionen, die oberen Geschosse werden höher und wuchtiger als die unteren. Den Eindruck der Schwere verstärkt noch die Bruchsteinfassade in grober Optik.
Das Familienunternehmen Goeritz ist in Chemnitz seit 1882 ansässig und bekannt als Produzent von Strumpfwaren und Stoffhandschuhen. Später kommt die Trikotagenfertigung dazu. Seit 1909 hat die Firma ihren Standort an der Zwickauer Straße-Ulmenstraße. Sie übersteht den Ersten Weltkrieg mehr schlecht als recht. Danach jedoch beginnt eine Periode steten Wachstums. Es werden mehr Arbeitsplätze geschaffen. Die Firma wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Sie zählt mittlerweile zu den größten Trikotagenherstellern in Deutschland.
Doch kommen wir zurück zu Hans Poelzig. Seinen ersten Entwurf für einen siebengeschossigen Fabrikkomplex lehnt die Stadt ab. Auch aufgrund massiver Einsprüche der gegenüberliegenden Alfred- und Hermann-Escher-AG des heutigen Industriemuseums. Der Rechtsstreit geht bis zum Bauministerium nach Dresden. 1925 wird eine reduzierte Variante mit einem Geschoss weniger und einem zurückgesetzten fünften Geschoss genehmigt. Der Bau beginnt, kommt aber nach zwei Jahren, nach Fertigstellung des ersten Abschnittes ins Stocken, denn es fehlt Geld. So bleibt es bei einem viergeschossigen Teilstück von einem Gesamtgebäude, das Poelzig ursprünglich als „Verbindung der Gestalt eines Festbaus mit der Typologie des Fabrikbaus“ angedacht hatte.
In den Jahren 1929 bis 1933 wird das Unternehmen Sigmund Goeritz AG zum führenden Hersteller für Damenwäsche in Deutschland. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnen die Repressalien für das jüdische Unternehmen Goeritz. 1938 wird das Unternehmen zwangsweise verkauft. Unter dem Namen Venus Werke AG läuft die Produktion trotz Materialmangel und anderer Einschränkungen weiter. In den Bombennächten im März 1945 werden einige Gebäude auf dem Poelzig-Areal stark zerstört.
Der Neubeginn bringt eine geänderte Produktionslinie. In volkseigene Betriebe umgewandelt, produzieren zunächst die Venuswerke, später die Firmen Spuret und Trikotex als Teile des VEB Strickwaren Oberlungwitz Trainings- und Badebekleidung. Bereits vor der Wende stehen Gebäude im hinteren Teil leer. 1991 ist schließlich alles vorbei und überall zeigen sich mehr oder weniger stark die Spuren des Verfalls. Erste Versuche von Umnutzung oder Neubebauung scheitern ebenso wie Zwangsversteigerungen. Bis dann 2007 das Areal durch die Chemnitzer Poelzig Projekt GmbH erworben wird und die Revitalisierung in Gang kommt. Man darf gespannt sein. Aber eins ist sicher. Auf diesem historischen Gelände wurde eine eindrucksvolle Symbiose zwischen Alt und Neu auf den Weg gebracht.
09112 Chemnitz
Zwickauer Straße 110